Gedolmetschte Interviews richtig aufnehmen und abschreiben.

09 September, 2026· Article by Maria Jones

Gedolmetschte Interviews richtig aufnehmen und abschreiben

Ein Reporter spricht mit Arbeiterinnen in einer Textilfabrik, eine Forscherin befragt Geflüchtete zu ihren Erfahrungen, ein Unternehmen interviewt Kunden in der Türkei. In all diesen Fällen sitzt eine dritte Person mit am Tisch: der Dolmetscher. Die Aufnahme enthält danach zwei Stimmen für jede Antwort, und genau das macht die spätere Transkription anspruchsvoll.

Dieser Beitrag zeigt, was vor, während und nach einem gedolmetschten Interview zu beachten ist, damit am Ende ein brauchbarer Text entsteht.

Der Dolmetscher gehört in die Planung

Viele Projekte holen den Dolmetscher erst in letzter Minute dazu und behandeln ihn wie ein technisches Gerät. Das rächt sich. Wer übersetzt, beeinflusst, wie Fragen ankommen und wie Antworten zurückkommen.

Deshalb lohnt sich ein kurzes Briefing. Der Dolmetscher sollte den Leitfaden kennen, das Ziel des Gesprächs verstehen und wissen, welche Fragen heikel sind. Seriöse Dolmetscherdienste fragen solche Unterlagen ohnehin an, weil die Vorbereitung direkt über die Qualität entscheidet.

Ein gut vorbereiteter Dolmetscher braucht weniger Rückfragen, und das Gespräch bleibt natürlicher.

Konsekutiv oder simultan

Für Interviews eignet sich meist das Konsekutivdolmetschen. Die befragte Person spricht, macht eine Pause, dann folgt die Übertragung. Auf der Aufnahme entstehen so klar getrennte Abschnitte in beiden Sprachen, was die Transkription erheblich erleichtert.

Simultandolmetschen spart Zeit, erzeugt aber überlappende Stimmen. Ohne getrennte Tonspuren lässt sich das Gesagte später kaum sauber auseinanderhalten.

Die richtige Technik

Ideal sind zwei Mikrofone, eines bei der befragten Person und eines beim Dolmetscher. Bei Online-Interviews sollte die Plattform separate Tonspuren pro Teilnehmer speichern. Dieser kleine Schritt verkürzt die Transkriptionszeit spürbar.

Was im Transkript stehen soll

Vor der Aufnahme sollte feststehen, welche Fassung später ausgewertet wird. Drei Varianten sind üblich:

  • Nur die Verdolmetschung. Es wird nur die deutsche Übertragung abgeschrieben. Schnell und günstig, aber der Originalwortlaut geht verloren.
  • Original und Verdolmetschung. Beide Sprachen werden transkribiert. Mehr Aufwand, dafür reichere Daten.
  • Original und neue Übersetzung. Die Aussagen werden im Original transkribiert und unabhängig schriftlich übersetzt. So lässt sich prüfen, wie genau gedolmetscht wurde.

Bei türkischsprachigen Interviews arbeiten viele Teams mit einem erfahrenen Übersetzer Türkisch Deutsch, der die schriftliche Fassung nachträglich erstellt. Gerade bei Redewendungen und regionalen Ausdrücken entstehen so präzisere Texte.

Gesundheitsthemen brauchen Fachwissen

In der Versorgungsforschung oder bei Patientenbefragungen geht es um Symptome, Medikamente und Behandlungen. Hier kann ein einziges ungenaues Wort die Auswertung verfälschen. Für solche Projekte empfiehlt sich eine medizinische Übersetzung der Transkripte durch Fachleute, die die Terminologie in beiden Sprachen sicher beherrschen.

Einwilligung und Vertraulichkeit

Einverständniserklärungen müssen in der Sprache der befragten Person vorliegen. Alle Beteiligten sollten wissen, dass ein Dolmetscher anwesend ist und das Gespräch aufgezeichnet wird. Der Dolmetscher unterschreibt dieselbe Verschwiegenheitserklärung wie das Projektteam.

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer beschreibt in seinen Berufs- und Ehrenregeln, welche Pflichten zur Verschwiegenheit und Unparteilichkeit für professionelle Dolmetscher gelten. Diese Grundsätze sind auch für Auftraggeber eine gute Orientierung.

Dolmetscher sind keine neutralen Leitungen

Auch die besten Dolmetscher treffen Entscheidungen. Sie mildern eine schroffe Antwort ab, erklären eine kulturelle Anspielung oder fassen eine lange Geschichte zusammen. Das ist nicht falsch, aber wer die Daten auswertet, sollte davon wissen.

Bitten Sie den Dolmetscher, möglichst nah am Original zu bleiben und kenntlich zu machen, wenn er etwas erläutert. Im Transkript werden solche Stellen dann in Klammern markiert.

Klare Regeln für die Abschrift

Das Transkriptionsteam braucht eindeutige Vorgaben:

  • Sprecherkürzel wie I (Interviewer), B (befragte Person) und D (Dolmetscher)
  • Zeitmarken bei jedem Sprecherwechsel
  • eine einheitliche Kennzeichnung unverständlicher Stellen, etwa [unv. 00:12:45]
  • Regeln zur Anonymisierung von Namen, Orten und Arbeitgebern

Einheitlichkeit ist wichtiger als jede Einzelentscheidung. Wenn zehn Transkripte zehn verschiedene Formate haben, wird die Auswertung in der Analysesoftware mühsam.

Qualität früh prüfen

Warten Sie nicht bis zur Auswertung, um die Texte zu lesen. Prüfen Sie die ersten zwei oder drei Transkripte sofort nach Lieferung. Hören Sie fünf zufällige Minuten der Aufnahme an und vergleichen Sie sie mit dem Text. Fallen Fehler auf, wird die Anleitung angepasst, bevor der Rest bearbeitet ist.

Typische Fehler in der Praxis

Ein häufiger Fehler ist das Aufnahmegerät in der Tischmitte. Es nimmt den Interviewer laut, die befragte Person leise und den Dolmetscher kaum verständlich auf. Besser ist ein Ansteckmikrofon für jede sprechende Person oder zumindest ein Gerät, das näher an der befragten Person steht.

Ebenso problematisch sind lange Antworten ohne Pause. Der Dolmetscher muss dann kürzen, und Details gehen verloren. Bitten Sie die befragte Person freundlich, nach zwei oder drei Sätzen eine kurze Pause zu machen. Das wirkt zunächst ungewohnt, wird aber schnell zur Routine.

Schließlich unterschätzen viele Teams die Bedeutung von Namen. Orte, Behörden und Firmen werden oft phonetisch falsch geschrieben. Eine Namensliste nach jedem Interview, ergänzt vom Dolmetscher, verhindert diese Fehler zuverlässig.

Realistisch kalkulieren

Ein gedolmetschtes Interview dauert etwa doppelt so lange wie ein einsprachiges, und die Transkriptionskosten steigen entsprechend. Das gehört von Anfang an ins Budget. Wer an dieser Stelle spart, bezahlt später mit schwächeren Ergebnissen und kritischen Rückfragen.

Gute Daten sind günstiger als eine neue Feldphase.

Fazit

Mit Dolmetscher geführte Interviews öffnen Projekte für Stimmen, die sonst nicht gehört würden. Mit guter Vorbereitung, sauberer Aufnahmetechnik und klaren Regeln für die Abschrift wird die zusätzliche Sprachebene zur Stärke und nicht zur Fehlerquelle.